Leseproben

„Erster Besuch“ bei Tante Paula

1987 Wilma, von der hier berichtet werden soll, wollte schon seit langem die in Hamburg wohnende Schwester ihrer Großmutter besuchen. Paula war die jüngste Schwester ihrer Großmutter und noch am Leben, ihr Alter näherte sich aber bedenklich den Neunzigern.

Genau gesagt, ihr 89. Geburtstag stand bevor, als sich dank der Reiseerleichterungen, die nicht offiziell bekannt gegeben worden waren und sich nur in Flüsterpropaganda herumsprachen, eine Aussicht auf eine Besuchsreise ergab. Wilma plante und recherchierte.

„Hast du schon gehört“, sagte sie zu ihrem Mann, „Martina durfte auch zu ihrer Tante reisen, sie wurde 75.“ „Brigitte war schon zweimal im Westen, ihr Bruder wurde 60.“ Das waren alles Hausfrauen mit mindestens drei Kindern. Und drei hatte Wilma auch, berufstätig war sie nicht offiziell.

Bevor sie jedoch – nach jahrzehntelanger Verzögerung – den Reiseantrag stellen konnte, kam ein Telegramm aus Hamburg:

„Tante Paula verstorben.“ Tante Paulas Leben hatte nicht bis zum Reiseantrag gereicht. So spielt das Schicksal.

Wilmas Mann nahm das Telegramm in Empfang. Er wusste, was dieses Telegramm für seine Frau und ihre lang gehegten Hoffnungen bedeutete.

Er fuhr mit seinem Trabant in die Stadt. Wilma war zum Sprachunterricht ins französischen Kulturzentrum gefahren. Wer auf sich hielt, ging dorthin zum Französischunterricht.

Er zerrte Wilma aus dem Unterricht.

„Tante Paula ist verstorben“, sagte er und zeigte ihr das Telegramm. Da war guter Rat teuer. Es war Freitagnachmittag und die Behörden würden gleich schließen.

Sie setzten sich auf eine Bank am Alexanderplatz und beratschlagten. Dann fuhren sie zum Hauptpolizeiamt, das solche Sonderfälle bearbeitete, und fragten nach. Glücklicherweise hatten sie sich schon lange genug mit dieser Materie, diesem Thema, beschäftigt, so dass sie sogleich die zuständige Abteilung fanden.

„Darüber“, sagte der Beamte, „kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Reichen Sie den Antrag mit dem Telegramm zusammen ein.

Das Telegramm muss offiziell bestätigt sein. So ein einfaches Telegramm, wie Sie es haben, reicht nicht aus.“ Danach schloss die Polizei, am Montag könne man wiederkommen. Jedoch war der Fall eilig.

Wilma und ihr Mann rasten mit dem Trabbi zum einzig noch geöffneten Postamt in der Stadt, um ein Telegramm nach Hamburg zu schicken, um den Verwandten mitzuteilen, dass sie ein offiziell bestätigtes Telegramm benötigten.

Obwohl sich die westdeutschen Verwandten das Leben in der DDR gar nicht vorstellen konnten und sie mit derartigen Problemen noch nicht konfrontiert worden waren, reagierten sie sofort, setzten alle Hebel in Bewegung, – und schon am Dienstag war das offizielle Telegramm in Berlin, um 18 Uhr. Da schließt die Polizei bereits.

Mittwochs haben alle Behörden geschlossen. Mittwochs rührt sich auf der Polizei kein Finger, auch nicht auf dem Sonderamt. Einfach nirgendwo. Das musste Wilma feststellen.

Der Mittwoch verging, Wilma war nervös, aber die Beerdigung war erst für kommenden Dienstag angesetzt – ein günstiger Zufall oder wirklich eine Sternstundenidee der Westverwandten.

Am Donnerstag konnte Wilma endlich den Antrag mit allen nötigen Formularen auf dem zuständigen Polizeiamt – dem Sonderamt für Sonderfälle – abgeben.

„Den Bescheid können Sie am Montag abholen“, sagte die diensthabende Polizistin. Nun hieß es warten.

Wilma und ihr Mann besprachen das Für und Wider.

„Wie war es bei Ruthild? Sie konnte auch fahren.“ „Aber sie hat vier Kinder. Edelgards Sohn wurde abgelehnt.“ Was war zu machen? Nichts. Eine Fahrkarte konnte Wilma erst kaufen, wenn sie die Reisegenehmigung in der Hand hatte. Aber sie konnte schon den Fahrplan studieren, – und da stellte sie fest, dass der letztmögliche Zug, mit dem sie noch rechtzeitig zu den Begräbnisfeierlichkeiten von Tante Paula kommen konnte, um 12 Uhr 45 vom Ostbahnhof in Berlin anfuhr.

„Schau Dir auch die Gedächtniskirche in Westberlin an“, sagte Wilmas Mann, „die habe ich vor 26 Jahren zum letzten Mal gesehen, als ich noch Student war.“ „Wo steht sie denn?“, fragte Wilma.

Ihr Mann bekam feuchte Augen.

„Nicht einmal das weißt Du, obwohl Du schon seit mehr als 20 Jahren in Berlin wohnst. Ja, Du bist erst nach dem Bau der Mauer hierher gezogen.“ „Das ist nicht weit vom Bahnhof Zoo“, sagte er danach und dachte an seine vielen Ausflüge von Ost- nach Westberlin, als er noch studierte. Der Kudamm, die Gedächtniskirche, der Tierpark, der Funkturm, der Grunewald, das Brandenburger Tor von der anderen Seite … – alles das kam ihm ins Gedächtnis. So viele Jahre hatte er unterdrückt, daran zu denken.

„Ich wünsche Dir, dass Du die Reiseerlaubnis bekommst“, sagte er, der sowieso nicht reisen durfte, da er eine verantwortungsvolle Stelle als Gruppenleiter an der Akademie der Wissenschaften innehatte und sich mit Forschung beschäftigte, die offensichtlich „Geheimhaltung“ von ihm verlangte, selbst wenn ihr Niveau dem „Weltniveau“ nachhinkte.

Als alle Stellen an der Akademie umstrukturiert wurden, hatte er unterschreiben müssen, dass er alle Westkontakte abbrechen würde.

Diese Vereinbarung sollte sich auch auf seine Frau beziehen, aber er hatte erklärt, dass er seiner Frau keine Vorschriften machen könne.

Diese „Heldentat“ erwies sich nun als nützlich für Wilma.

Was Westreisen betraf, so fühlte sich Wilmas Mann sowieso betrogen, hatte er doch früher Dienstreisen ins westliche Ausland machen dürfen. Seit aber der Begriff des NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet)-Reisekaders eingeführt worden war und nur noch diese ins NSW-Ausland reisen durften, hielt sein Chef seine Vorträge auf Tagungen in Paris und anderswo, die er ihm zu diesem Zwecke vorbereitete und erklärte, denn sein Chef arbeitete auf einem anderen Fachgebiet.

Wilma und ihr Mann hatten ein langes Wochenende Zeit zu hoffen, zu beratschlagen, zu überlegen.

„Wenn es wirklich klappt, musst Du am Montag von dem Polizeiamt mit der Reisegenehmigung sofort zur Bank fahren und die 70 Mark umtauschen, die Dir bei einer solchen einmaligen Besuchsreise zustehen“, sagte Wilmas Mann.

„Danach musst Du sofort zum Ostbahnhof fahren, am besten mit dem Taxi, wenn Du eins erwischen kannst, um die Fahrkarte zu kaufen. Am Westschalter ist der Andrang nicht so hoch, – oder Du gehst einfach vor, wenn die Zeit knapp wird.“ „Ich werde mich so beeilen, als ob es um mein Leben ginge“, sagte Wilma.

„Aber was ist mit dem Kranz?“, fragte sie. „Schließlich fahre ich zu einer Beerdigung. Ich muss einen Kranz mitnehmen. Ein Gebinde reicht nicht, es dreht sich um meine Lieblingsgroßtante.“ „Wir werden einen Kranz kaufen“, versprach Wilmas Mann.

„Das kann man hier auch am Wochenende am Friedhof. Der Friedhof ist immer geöffnet.“ „Aber was mache ich, wenn ich keine Genehmigung bekomme?“, fragte Wilma. „Dann stehe ich mit dem Kranz auf dem Hauptpolizeiamt. “ „Dann weinst Du sowieso“, sagte ihr Mann ironisch, „da ist der Kranz ganz passend. – Du lässt ihn einfach auf der Polizei stehen.“ Nun musste Wilma wieder lachen, obwohl sie noch ganz aufgeregt und nervös war.

„Ich muss meinen Koffer packen“, sagte sie, „vielleicht, vielleicht – klappt es doch.“

Sie packte den Koffer, sie kauften einen Kranz auf dem Friedhof, sie verabschiedete sich von ihren Kindern.

„Vielleicht bin ich eher wieder hier, als Euch lieb ist“, tröstete sie Wilma.

Die Nachbarin wurde für Montagmittag zur Hilfe alarmiert, um die Kinder zu betreuen, wenn sie aus der Schule kämen.

Wilmas Mann wollte die Sache erst einmal abwarten und erst ab Dienstag Urlaub nehmen. Außerdem hatte er am Montagvormittag eine wichtige Besprechung. Deshalb konnte er auch nicht mit Wilma gemeinsam auf dem Hauptpolizeiamt warten, sondern konnte sie am Montag nur pünktlich kurz vor der Öffnungszeit um 9 Uhr dort absetzen.

„Ruf mich an, wenn Du Bescheid weißt“, sagte er zu Wilma. Abschied – für wie lange? „Wird schon schief gehen“, fügte er hinzu.

Rührseligkeiten konnte er nicht leiden.

Da saß nun Wilma und wartete – und das tat sie nicht allein. Es gab noch mehrere solcher Kandidaten in Hoffnung. Aber niemand hatte einen so schönen Kranz wie sie. Koffer, Reisetasche und daneben der Kranz für Tante Paula.

Wilmas Mann wartete in seinem Dienstzimmer auf ihren Anruf.

Es wurde 11 Uhr, 11 Uhr 30, 12 Uhr. Er ging nicht essen, er wartete am Telefon. „Es wird nichts werden“, dachte er, als der Zeiger die 12 überschritt. „Der Zug fährt um 12 Uhr 45, und sie müsste noch auf die Bank und die Fahrkarte kaufen.“ 12 Uhr 15 klingelte das Telefon. Wilma sagte: „Ich hab’s. Ich renne los.“ Wilmas Mann liefen die Tränen herunter. Nach 26 Jahren zum ersten Mal die Mauer überschreiten. Das war ein großer Tag. Auch wenn es sich nur um eine einmal gewährte Freiheit für acht Tage handelte. Westberlin – er sah den Telefonhörer nicht mehr, weil er heulte. Heulte – weshalb? Über sich, über Deutschland, aus Sentimentalität? Er hätte es im Moment nicht zu sagen gewusst.

Wilma schaffte es wirklich. Der Zug fuhr nicht ohne sie ab. Sie stellte ihren Koffer ins Abteil, die Reisetasche ins Gepäcknetz. Daneben den Kranz.

„Fahren Sie zur Beerdigung ?“, fragte die alte Dame, die Wilma im Abteil gegenüber saß.

„Ja“, sagte Wilma, „meine Großtante Paula ist gestorben.“ „Sie meinen doch nicht etwa Paula König!“, rief die alte Dame.

So stellte sich heraus, dass sie zu derselben Beerdigung fuhren und die alte Dame im Abteil eine entfernte Verwandte von Wilma war, an die sie sich dank ihres Familiensinns noch erinnern konnte.

aus: Gestutzte Flügel

 


 

Der Straßenbahnfahrer

Als Dr. L. den Ausreiseantrag in Karl-Marx-Stadt gestellt hatte, wurde er aus seiner Vorlesung geholt und entlassen. Für den Arbeiter- und Bauerstaat war er nicht mehr tragbar, ganz besonders nicht für die Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt. Er wurde Straßenbahnfahrer, bei der Straßenbahn arbeiteten auch aus der Haft Entlassene, auf deren Stufe er nun gesellschaftlich stand, obwohl er die Haftanstalt noch nicht von innen gesehen hatte.

Lange Zeit hatte das Ehepaar ihrer Tochter verschwiegen, dass sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Sie entschlossen sich aber mit fortschreitender Zeit, ihre Tochter einzuweihen, denn sie ahnten Schlimmes.

Stellte beispielsweise nur ein Ehepartner den Ausreiseantrag, der andere aber nicht, so wurden die Kinder natürlich dem in der DDR verbleibenden Elternteil zugeordnet. War das Ehepaar wegen Republikflucht verurteilt worden und nach der Haft direkt in die Bundesrepublik entlassen worden, was diese pro Kopf bezahlte, so verblieben die Kinder des Ehepaares trotzdem in der DDR. Sie wurden zwangsadoptiert und ohne Einwilligung der Eltern (die sich ja strafbar gemacht hatten) zur Adoption freigegeben, denn die beste Zukunft für ein Kind läge in der DDR, so meinte die Partei.

Dr. L. und seine Frau klärten also ihre Tochter über ihre Absichten auf und schulten sie. Sie übten Frage- und Antwortspiel. Tatsächlich wurde die 12-jährige Tochter, die also minderjährig war, vor der genehmigten Übersiedelung nach dem Westen in Karl-Marx-Stadt bei der Stasi vorgeladen.

Sie wurde gefragt, ob sie ihre Großeltern gern hätte, was das Mädchen bejahte. Dann wäre es doch besser, sagten die Genossen, dass sie bei den Großeltern in Karl-Marx-Stadt bliebe, denn ihre Eltern hätten die DDR verraten und sich strafbar gemacht.

Das Kind sollte sich einverstanden erklären, bei seinen Großeltern zu bleiben. Dank des eingeübten Textes konnte das Kind widerstehen. Sie sagte, nein, noch lieber bliebe sie bei ihren Eltern.

Dr. L. nahm seine Aufzeichnungen, die er damals gemacht hatte, nicht mit nach Westen, er versteckte sie bei Verwandten in der DDR. Erst später konnte er sie abholen.

Er konnte dann auch dank der Gauck-Akten feststellen, wer ihn bespitzelt hatte. Er musste feststellen, dass sein Cousin als IM bei der Stasi tätig gewesen war und Berichte über ihn an die Stasi geliefert hatte.

Als Dr. L. nach Westdeutschland kam, wechselte er in die Industrie über, obwohl er damals auch im Hochschulbereich Chancen gehabt hätte. Er wandte sich der Informatik zu und ist immer noch in demselben Unternehmen beschäftigt, in dem er damals angefangen hatte. Seit etwa 20 Jahren arbeitet er in dem Softwareunternehmen bei Frankfurt.

Die Lage der Ostdeutschen empfindet Dr. L. als schwierig. Sein Schwager in Chemnitz ist arbeitslos, obwohl er viel jünger ist als er selbst. Ihm steht, wie auch anderen Ostdeutschen, nur wenig Geld zur Verfügung. Zu DDR-Zeiten hatten die Bürger mehr Geld als sie ausgeben konnten, da es nichts zu kaufen gab und sie auch nicht reisen konnten. Jetzt könnten die Menschen mit Geld etwas anfangen, aber sie haben kein Geld.

Vermutlich hatten die Ostdeutschen, die nie in Westdeutschland waren, übertriebene Vorstellungen von Westdeutschland. Sie meinten dies sei das Paradies. Nun müssen sie realistisch werden.

Auch Dr. L. bemängelt die fehlende Aufarbeitung der Ostgeschichte. So berichtet er von einem Schuldirektor, der in Karl-Marx-Stadt über ostdeutsche Fußballer für die Stasi Berichte geschrieben hatte, und der damals verdächtigerweise mit dem Fußballverein ins Ausland fahren durfte, was einem Normalbürger ja nicht erlaubt war. Nach der Wiedervereinigung war er (IM) erst einmal aus dem Fußballverband ausgetreten, um dann ein Jahr später wieder einzutreten. Inzwischen ist er zu hoher Position im Fußballverband Sachsen aufgestiegen.

Dass sich die Menschen in den alten Bundesländern die Verhältnisse in der ehemaligen DDR nicht vorstellen können, das bedrückt Dr. L. Wenn ihn die Mitglieder seines Kegelclubs ärgern wollen, dann erklären sie, Gysi sei ein guter Politiker (was sie vielleicht auch wirklich denken). Da wissen sie, dass Dr. L. böse wird.

aus: Gestutzte Flügel

 


 

Nashmil

Nashmil (Name geändert) wurde 1963 in Mahabad geboren, mit 20 Jahren ging sie zu den Peschmerga. Sie sagte damals: Wenn die Männer in die Berge ziehen können, kann ich das auch. Sie war eine sehr selbstbewußte Frau, die sich später besonders in der Frauenbewegung engagierte. Bei den Peschmerga lernte sie auch ihren späteren Mann kennen. Sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder waren Peschmerga. Ihr Bruder ist in einem Kampf mit der iranischen Armee ums Leben gekommen.

Nach dem Ende ihrer Peschmergatätigkeit wurde sie politisch aktiv. Damit begannen ihre Probleme mit der islamischen Regierung. Sie wurde mehrfach verhaftet und erhielt Gefängnisstrafen von mehreren Monaten bis zu zwei Jahren. Seit sie zum letzten Mal aus dem Gefängnis auf Bewährung entlassen wurde, das war im Sommer 2005, steht sie unter Beobachtung, sie muss sich täglich bei den Pasdaran im Gefängnisgebäude melden. Sie darf nicht politisch tätig sein, ihre Bewährungsauflage besteht darin, kein Wort zu schreiben. Ein einziges geschriebenes Wort bringt sie zurück in die Haftanstalt. Seit sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, erhielt sie schon viele Morddrohungen.

Nicht zu schreiben ist Nashmil unmöglich. Nur schreibend kann sie ihre Erlebnisse verarbeiten und aufrufen gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Während ihres letzten Gefängnisaufenthaltes lernte Nashmil, obwohl sie in Einzelhaft saß, ein Kind kennen, das mit seiner Mutter eingesperrt worden war. Das Mädchen hieß Jalan und war acht Jahre alt.

Es passiert häufig, dass Kinder mit ihren Müttern verhaftet werden. Die Kinder werden bei der Verhaftung von den Pasdaran einfach mitgenommen, falls weder Ehemann noch Großeltern zur Betreuung der Kinder zur Verfügung stehen. Sie leben dann mit ihren Müttern im Gefängnis, werden aber als nicht existent betrachtet, so dass für sie auch kein Essen ausgegeben wird. Die Mütter müssen ihr Essen mit den Kindern teilen. Sie leben unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Anstatt in die Schule zu gehen, hören die Kinder die Geschichten von Dieben und Drogensüchtigen im Gefängnis.

Jalan konnte sich mit ihrem Gefängnisdasein nicht abfinden. Sie weinte Tag und Nacht und wurde so auch für die Gefängniswärter zur Plage.

Nashmil, die in eine Einzelzelle gesperrt worden war, sagte zu den Wärtern: Bringt das Kind zu mir, ich werde es beruhigen. So kam es, dass das Kind jede Nacht zu Nashmil gebracht wurde und sie ihr jede Nacht Geschichten erzählte. Wenn Nashmil eingeschlafen war, wurde sie von dem Kind wieder aufgeweckt. Es   sagte: „Schlaf´ nicht, erzähl mir noch eine Geschichte.“

Die Situation des Kindes verschlimmerte sich, als sich ihre Mutter im Gefängnis umbrachte.

Das Kind blieb im Gefängnis, auch ohne Mutter. Als Nashmil entlassen wurde, wollte sie Jalan mit nach Hause nehmen, aber das wurde ihr verwehrt. Sie suchte später nach Jalan, konnte sie aber nicht mehr finden. Jalan befand sich nicht mehr im alten Gefängnis, aber auch nicht in Freiheit. Sie hatte schon davon gehört, dass viele Kinder, deren Schicksal ähnlich war, für immer verschwanden.

Nachdem Nashmil verzweifelt versucht hatte, Jalan wieder zu finden, viele erfolglose Anträge gestellt hatte, begann sie, sich um die Kinder zu kümmern, die mit ihren Müttern im Gefängnis einsitzen.

Sie gründete eine Organisation mit dem Namen „Hoffnung“. Sie besucht Mütter in Gefängnissen und übernimmt die Vormundschaft von Kindern, die sich im Gefängnis befinden, wenn es die Mütter erlauben. Sie hat ein Haus gemietet und vier Frauen gefunden, die sich um die Kinder kümmern. Die Kinder gehen in die Schule und haben ein Dach über dem Kopf. Ihre wichtigste Aufgabe ist es nun, Sponsoren für dieses Kinderheim zu finden, damit die Kinder jeden Tag etwas zum Essen haben.

In ihrem Kinderheim befinden sich derzeit 35 Kinder. Das Essen für alle Kinder kostet 10 Euro pro Tag. Ständig besucht Nashmil auch weiterhin die Gefängnisse, um Kindern in Not eine Überlebensmöglichkeit anzubieten.

Weil Schreiben für Nashmil überlebensnotwendig ist, versucht sie, auch andere Kurden dazu zu befähigen, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, und  gründete eine Ausbildungsstätte, in der Kurden ihre Muttersprache studieren und Regeln der Journalistik erlernen können. Diese Schule wurde von den Pasdaran verboten, später aber unter einem anderen Namen wieder eröffnet.

Nashmil lebt gefährlich, das weiß sie, aber sie kann die Menschen ihrem Schicksal nicht einfach überlassen.

 

aus: Der Mit der Verzweiflung


 

Möchten Sie meine Witwe werden?

Diese Frage stellte der betagte Kodály einer seiner Schülerinnen. Sie war erst 25 Jahre alt, er bereits 70. Kodálys erste Frau war gestorben, und er suchte eine Erbin. Seine erste Frau war Jüdin und zwanzig Jahre älter als Kodály. Als Kodály seine erste Frau kennen lernte, war er ein junger Avantgarde- Komponist, der die französische Kultur und ganz besonders Debussy verehrte. Seine spätere Frau hatte als Mitglied einer prominenten jüdischen Familie eine angesehene Stellung in der ungarischen Gesellschaft.

Für einen Künstler war es zu allen Zeiten schwierig, eine passende Frau zu finden. Dereinst sollte ,3die Gattin in den Kreisen verkehren können, für die der Musiker seine Werke schrieb (in den adligen), sich aber andererseits an seine bescheidenen Finanzmittel anpassen können. Eine Geliebte bei Hofe konnte nützlicher sein, als eine Frau, die den Haushalt führt. Wie schwierig das Heiraten für einen Künstler war, zeigen Beethoven, Chopin und Liszt (sie heirateten nicht).

Kodálys erste Frau wurde 90 Jahre alt, und solange sie lebte, hielt auch Kodály treu zu ihr. Sogar noch nach ihrem Tode. Er wollte nämlich sein Vermögen der Familie hinterlassen, die seine Frau während der Zeit der Judenverfolgung unterstützt hatte. Aus dieser Familie stammte die befragte Schülerin. Es ist wohl anzunehmen, dass dies nicht der einzige Heiratsgrund war. Strawinsky jedenfalls mockierte sich über die jungen Frauen von Kodály und Casals.

Aus der ungarischen Musik dieses Jahrhunderts sind Kodály und Bartók nicht wegzudenken. Sie sind die ungarische Musik dieses Jahrhunderts. Alljährlich finden in Szombathely Musikfestivals und Musikkurse statt, zu denen Musiker und Musikpädagogen aus aller Welt zum Studium kommen, um Kodálys musikpädagogisches Werk zu studieren. Ich lernte in einer Sprachschule eine Australierin kennen, die sich schnell noch ein paar Forint verdienen wollte, bevor sie zum Musikkurs nach Szombathely startete. Wir gingen zusammen zu einem Konzert in die Matthiaskirche und hörten Frau Kodály. Frau Kodály ist nämlich Sängerin, und manchmal kann man sie in der Matthiaskiche hören. Sie steht dann hoch oben auf der Orgelempore. Ihr Mann ist vor zwanzig Jahren gestorben. Aber seine Musik und seine musikpädagogischen Ideen leben und werden nicht nur in Ungarn gepflegt.

aus: Begegnungen in Budapest

 


„Überholen ohne Einzuholen“

war ein Slogan des kommunistischen Regimes, genau gesagt, er war ein Übersetzungsfehler aus dem Russischen. „Überholen ohne Einzuholen“ wurde in der ehemaligen DDR propagiert. Gemeint war der „Klassenfeind“. Er sollte überholt werden. Viele haben es auf andere Weise probiert: Sie haben die DDR überholt, indem sie verließen.

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 verließen insgesamt 2,75 Millionen Bürger die DDR. Allein vom 1.1.1961 bis zum 13.8.1961 waren es 160.000 Bürger der DDR, die in die Bundesrepublik gingen.  Bis dahin konnten die Ostdeutschen mit der S-Bahn von Ostberlin nach Westberlin fahren. In vorgerückter Zeit wurden in den S-Bahnen Kontrollen vorgenommen. Nicht jeder kam ans Ziel. Die „Abstimmung mit den Füßen“ war vorbei, als die Mauer gebaut worden war. Die DDR-Bürger saßen in der Falle.

 

Die überaus Mutigen stellten einen Ausreiseantrag und hatten für die Folgen einzustehen, die schwerwiegend waren. Manche versuchten, die Bundesrepublik über Umwege, über das Ausland, zu erreichen. Andere versuchten den direkten Weg und wurden an der Mauer erschossen oder von Selbstschussanlagen an der Grenze zerlöchert und verbluteten im Niemandsland. Das war Deutschland, 1961 – 1989.

Die Ostdeutschen haben sich selbst überholt, ohne den Westen eingeholt zu haben. Ostdeutschland wurde mit dem Einigungsvertrag an Westdeutschland angegliedert. Die Ostdeutschen machten mit der Wiedervereinigung einen Quantensprung und verstanden fortan die Welt nicht mehr: die Steuergesetze, die Fördergesetze, die es früher nicht gab, und anderes mehr. Sie waren in ein bestehendes System übernommen worden, das ihnen fremd war. Obwohl in dem neuen Land alle deutsch sprachen, war es für sie ein fremdes Land. Sie wohnten weiterhin an demselben Ort wie früher, fühlten sich jedoch fremd.

Wer nach Westdeutschland ging, für den war es einfacher, sich in dem neuen Land zurechtzufinden, da er die bestehenden Regeln nur zur Kenntnis nehmen musste, die anderen Mitbürger ihm erklären konnten.

Eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte fand nicht statt und war von westdeutscher Seite wohl auch nicht beabsichtigt. Dadurch können nun manche Ostdeutsche in Nostalgie schwelgen, und die Westdeutschen können mitlachen.

Nachträglich sagen einige, es habe ihnen nichts ausgemacht, nicht reisen zu dürfen. Jetzt könnten sie es auch nicht, weil sie kein Geld hätten. (Sie fahren jedoch in die Türkei, weil es billig ist und ihnen ein Urlaub im Jahr zusteht.)

Die vorliegenden Geschichten erzählen, wie die Ostdeutschen das neue Leben meisterten, welche Probleme sie hatten. Sie erzählen von Menschen, die von Ost nach West gingen, von Menschen, die im Westen Fuß fassten, von Westdeutschen, die nach Ostdeutschland gingen und von Menschen, die vor Ort ihr Auskommen fanden. Über Flüchtlinge wird berichtet, Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg und Flüchtlinge innerhalb Deutschlands. Aber auch die Probleme der Westdeutschen werden nicht außer Acht gelassen.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein Sprichwort, aber wir erkennen, dass das nur gilt, solange die Voraussetzungen, Nebenbedingungen und die äußeren Umstände dies zulassen.

aus: Die Zukunft liegt im Osten

 


 

Ein Abenteuer

Abenteuer liegen nicht unbedingt weit entfernt. Manche Abenteuer finden nur im Kopf statt. Was der eine als Abenteuer ansieht, bemerkt der andere nicht einmal. Mein Abenteuer begann 140 km östlich von Wien, am Fuße des Hügels von Pannonhalma.

Beginnen wir mit dem Abenteuer „Bauernhaus“.

In das Dorf, in dem ich nun ein Bauernhaus besitze, bin ich ganz zufällig geraten und wiederum auch nicht zufällig.

Eines Tages klingelte ein ungarischer Architekt an meiner Wohnungstür in Wien. Er sammelte für den Dachausbau in unserem Wiener Wohnhaus Unterschriften. An seiner Aussprache erkannte ich, dass er aus Ungarn stammte und lud ihn zu einer Tasse Kaffee ein. So kamen wir ins Gespräch. Er stammte aus Tokaij, wo die Trauben für den berühmten Tokaijer Wein wachsen. Sein Vater war Weinbauer und er selbst wohl von Kindesbeinen ans Weintrinken gewöhnt.

Er war gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhanges nach Österreich ausgewandert, nachdem er sich einen Namen als Dissident in Budapest gemacht hatte. Zu Zeiten der russischen Okkupation hatte er mit Freunden eine Untergrundzeitung betrieben, deren Druckerei unbekannt blieb. Nach Öffnung der Grenze hatte er genug vom Widerstand und ging nach Wien, um endlich einmal Geld zu verdienen. Er war ein sehr guter Fachmann und kluger Kopf. In Wien machte er die Prüfung als Ziviltechniker, die es ihm ermöglichte, ein eigenes Architekturbüro zu eröffnen. Zuvor hatte er die Pläne für ein Hochhaus entworfen, das ganz bekannt wurde, aber nicht unter seinem Namen, sondern unter dem seines Arbeitgebers.

Der Architekt hatte im „Falu“ (Dorf) bei Pannonhalma  einige Grundstücke gekauft. Ein Bauernhaus war teilweise renoviert worden, eigentlich nur das Schilfdach erneuert. Er hatte das Dach auf eine eigene Holzkonstruktion gestellt, was somit eine Besonderheit war. Mir wurde berichtet, dass er einmal zugeschaut hatte, als eine Lehmmauer in sich zusammensackte. Das kann leicht passieren, wenn sie nass wird. Deshalb hatte er wohl diese Holzkonstruktion für das Dach gewählt. In unserem Falle würde also, wenn die Mauern einstürzten, das Dach auf seinen Holzbalken stehenbleiben. Da ihm zur weiteren Renovierung das Geld fehlte, hat er es mir schließlich verkauft. Seine Gesichtspunkte für das Haus waren gewesen: Günstige Anbindung nach Wien (Autobahn bis Győr), interessante Weinbaugegend, beginnende Gebirgszüge, die sich bis zum Plattensee hinziehen. Tatsächlich war die Gegend gut ausgesucht. Nur das Haus war eine Katastrophe, weil unfertig. Es hatte nur ein kleines Fenster, wie es in Bauernhäusern üblich war, keinen Fußboden, kein Wasser und keinen Strom, kein WC und so weiter. Es bestand nur aus ein paar alten Lehmmauern mir Bretterverschlägen als Türen und einem nun schon nicht mehr ganz dichten Schilfdach. Das ungarische Haus war eine Hütte, aber ich dachte in grenzenlosem Optimismus, dass ich sie renovieren könnte, ja ein Haus daraus machen könnte. Zum Haus gehörte auch einen riesiger Garten, ein Urwald, der kultiviert werden musste.

aus: DER FUCHS AUF DEM DACH, 2015

 


 

Der Student aus Afghanistan

Als ich Achmed aus Afghanistan kennenlernte, war er gerade 30 Jahre alt geworden und studierte Softwaretechnik. Nach langen Wander- und Lehrjahren war er dabei, seine Diplomarbeit zu schreiben. Vor 13 Jahren war er in Hamburg gestrandet.

Achmed stammt aus Kabul. Bevor die Russen 1979 einmarschierten, gehörte seine Familie zur Oberschicht. Sein Vater war Staatssekretär in der damaligen Regierung, seine Mutter Direktorin einer Schule. In der sowjetischen Besatzungszeit wurde sein Vater in der Hierarchie herabgestuft, hatte aber noch gewissen Einfluß dank seiner früheren Tätigkeit. Einst geknüpfte Beziehungen waren noch vorhanden. Leider nütze das seinem Sohn nichts, jedenfalls nicht unmittelbar.

Achmed war 16 Jahre alt und besuchte eine deutsche Höhere Schule in Kabul. Sie war die modernste von drei deutschen Schulen, erbaut mit deutscher Hilfe und nur wenige Jahre alt, eine Eliteschule. Achmed hatte gerade die 10. Klasse beendet, als die russischen Besatzer von den Schülern der Kabuler Höheren Schule verlangten, in die (von ihnen gegründete) kommunistische Jugendorganisation einzutreten. In jugendlichem Eifer, getreu seiner antikommunistischen Überzeugung, verweigerte Achmed den Beitritt. Als Ergebnis folgte die Relegierung von der Schule. Achmed wurde mit knapp 16 Jahren zwangsversetzt, und zwar an die Front. Die Sowjets kämpften gegen den Widerstand der Mudjaheddin im Lande.

An der Frontlinie wurde Achmed ausgebildet. Bei dieser Ausbildung traf er einen Gleichgesinnten, der schon seit längerer Zeit seine Flucht geplant hatte. Achmed schloß sich ihm an. Zu zweit zogen sie los, im Gepäck führten sie Waffen mit sich, die sie den Mudjaheddin übergeben wollten, um bei ihnen willkommen zu sein und um diese zu unterstützen.

Achmed sagt, er hätte gelernt, mit Waffen umzugehen. Wenn man ihm zuschaut, wie er seine Diplomarbeit erläutert, kann man das kaum glauben. Er macht einen ausgesprochen zivilisierten Eindruck, seine Hände sind sehr gepflegt. Waffen in seinen Händen kann ich mir nicht vorstellen. Aber doch war es so, daß er mit Waffen von der afghanischen Front flüchte.

Unterwegs verließ die Zwei das Glück, sie wurden von den Russen geschnappt und kamen in ein Militärgefängnis. Dort saßen sie drei Wochen – nördlich von Tora Bora, was heute für jedermann ein Begriff ist,  im Gebirge – und warteten auf ihre Aburteilung. In der Untersuchungshaft trafen sie jedoch auf einen Wachsoldaten, der sich ihnen anschloß. Zu dritt konnten sie entkommen. Diesmal erreichten sie die Mudjaheddin.

Die Mudjaheddin tauschten alle drei Wochen einen Trupp von Kämpfern aus, eine der Abteilungen erholte sich in der Zwischenzeit in Pakistan. Außerdem holten sie von dort ihren Waffennachschub. Bei einem solchen Transport nahmen sie Achmed mit nach Pakistan. Erst danach erfuhr sein Vater, was mit seinem Sohn passiert war. Er fuhr nach Pakistan und organisierte die Flucht seines Sohnes. Insgesamt zahlte er an alle Fluchthelferorganisation 10.000 Dollar, eingeschlossen eines falschen Passes (die Pakistani seien Meister im Fälschen, sagt Achmed).

Achmed wurde in ein Flugzeug gesetzt und landete in Frankfurt am Main. Dort beantragte er Asyl. In einem kleinen Dorf im Taunus (mit etwa 500 Einwohnern) wartete er anderthalb Jahre auf die Genehmigung seines Asylantrages. Er durfte in dieser Zeit die Schule nur als Gastschüler besuchen. Schließlich bekam er die Asylpapiere. Er begann eine Lehre als Technischer Zeichner in Hamburg. Danach machte er das Fachabitur und begann an der Hochschule in Hamburg zu studieren. Softwaretechnik erscheint ihm aussichtsreich.

Mit dem Studium an der Hochschule war er zufrieden, allerdings war es ihm zu unpersönlich. Zu Professoren habe ich keinen Kontakt gehabt, sagt er, außer zu Ihnen (und das nur wegen seiner Diplomarbeit). Fast alle Prüfungen an der Hochschule werden schriftlich abgehalten. Achmed selbst konnte wohl auch an keinen Professor direkt herantreten. Er ist eher schüchtern als aufdringlich und vorsichtig, in gewisser Weise geschlagen von seiner Vergangenheit, und niemand ist ihm entgegengekommen.

Während des Studium mußte er arbeiten. Er bekam einen Job in einer Firma, die sich mit Ökonomie beschäftigt. Dort arbeitete er sich in ökonomische Fragestellungen ein, beschäftigte sich mit Statistikprogrammen und Zählmechanismen für das Internet. Er erzählt, daß die Firma, in der er arbeitete, strikt auf Disziplin geachtet hat. Es waren 3 Minuten Pause pro Stunde vorgesehen, zum Toilettengang mußte man sich am Computer abmelden (ausloggen). Diese Zeit wurde nicht bezahlt. Die Arbeitszeit wurde per Computer berechnet und nur die Zeit, die er am Computer arbeitete, wurde bezahlt. Streng wurde auch auf die Erfüllung der gestellten Aufgaben geachtet. Achmed empfand sich als eine Art Arbeitssklave. Zurück in die vorindustrielle Zeit, sagt er, nur mit moderneren Mitteln.

Achmed kann Vergleiche ziehen. Er bezweifelt, daß wir Europäer unseren Lebensstandard, eigentlich sagt er, „unser schönes Leben“, werden halten können. Immer mehr Menschen aus der dritten Welt sind begierig auf einen besseren Lebensstandard. Die nicht politisch Verfolgten kommen aus diesen Gründen nach Europa. Es ist anzunehmen, daß sich die Kluft zwischen den Ländern mehr und mehr ausgleicht, aber auch, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich möglicherweise auch in Europa – wie in anderen Ländern – mehr und mehr öffnet.

Er selbst erinnert sich noch allzu gut an die unvorstellbar armen Lebensbedingungen in Afghanistan und Pakistan. Er erzählt von Kindern, die bei 40 Grad im Schatten, große Steine auf Eisenbahnschienen zerklopfen mußten, um Schotter für den Eisenbahnbau herzustellen. Keine Maschine hilft, alles mühsamste Handarbeit. Unvorstellbare Arbeitsbedingungen, sagt er, auch in der Teppichweberei, dazu der Schmutz überall und die Armut.

Als wir auf die neuere Politik zu sprechen kommen, denkt er laut darüber nach, ob man die Taliban nicht mit geringeren Mitteln hätte verjagen können. Sie seien so schnell davon gerannt.

Die Taliban (Talib = Schüler), erklärt er mir, waren eine Gruppe von afghanischen Flüchtlingen, die in Pakistan ausgebildet worden sind. Zu ihnen stießen pakistanische und arabische Kämpfer. Gemeinsam kämpften diese an der Front in Afghanistan. Anfangs wurden sie – in antirussischer Mission – auch von den Amerikanern unterstützt. Sie hatten und verwendeten amerikanische Waffen, sagt Achmed.

Nach Angaben des Spiegel unterstützten die USA den afghanischen Widerstand mit 3 Milliarden Dollar und förderten die Anwerbung islamischer Kämpfer unter den arabischen, asiatischen, europäischen und amerikanischen Muslimen. („11. September, Geschichte eines Terrorangriffes“, 2002)

Unvorstellbar sei für ihn, wie viele Dollar den Amerikanern ein Kriegstag in Afghanistan gekostet habe. Er versuche, sich diese Summe vorzustellen und könne es nicht. Bei seiner Berechnung kommt er auf etwa eine Milliarde Dollar pro Kriegstag, wobei er 500 Flüge pro Tag mit je zwei Raketen pro eine Million ansetzt.

Die Hälfte seiner Klassenkameraden sei tot, sagt er. Einer seiner Klassenkameraden, der auch geflüchtet war, sei nach Afghanistan zurückgekehrt. Er hätte sich in Deutschland zu einsam gefühlt, er hätte Sehnsucht nach seiner Familie, nach seinen Eltern gehabt. Er stammte aus dem Pandschirtal. Seine Eltern lebten früher in Kabul, später flüchteten sie nach Pakistan. Als er zurückgekehrt war, schloß er sich der Nordallianz an und kämpfte gegen die Taliban. Weil er unerfahren war, erwischten sie ihn.

Die Taliban waren grausam, sagt Achmed. Sie sperrten seinen Klassenkameraden als „islamischen“ Verräter ein und ermordeten ihn langsam. Zuerst haben sie ihm Nase abgeschnitten, dann die Zunge, dann die Ohren. Erst danach haben sie ihn erschossen. Eine Moschee im Pandschirtal ist nach ihm benannt worden, zur Erinnerung an ihn und an die Grausamkeit der Taliban.

Es habe einen Hoffnungsträger der afghanischen Nation gegeben, fährt Achmed fort. Das war Achmad Shah Massud, er wurde zwei Tage vor den 11. September im Pandschirtal ermordet. Er war ein Gegner der Taliban, er leistete Widerstand.  Er war derjenige, von dem die Afghanen glaubten, daß er seinen Idealen folgen werde und nicht eigenen Interessen. Er wollte Afghanistan eine Zukunft geben, er kämpfte für ein freies und unabhängiges Land.

Wollen Sie nicht wissen, warum es so viele Kriege in Afghanistan gegeben hat?, fragt Achmed, und gibt mir die Antwort:

Im 19. Jahrhundert geriet Afghanistan unter britischen Einfluß. Bis 1919 haben die Briten dreimal Krieg gegen Afghanistan geführt, alle drei Kriege wurden von den Afghanen gewonnen. 1919 wurde die Unabhängigkeit Afghanistans von Großbritannien und Rußland anerkannt. Die geographische Lage Afghanistans spielte bei allen Kriegen eine bedeutende Rolle. Auch für den Krieg der Sowjetunion gegen Afghanistan war das die Ursache. Der Krieg begann 1979 und dauerte rund 10 Jahre. Alle Eroberer wollten den Indischen Ozean über Afghanistan erreichen. In der neueren Zeit ist die geographische Lage Afghanistans wiederum von ausschlaggebender Bedeutung, da das Erdölfeld am Kaspischen Meer erschlossen werden soll. Erdölpipelines sollen durch Afghanistan geführt werden. Ich erfuhr im Fernsehen, sagt Achmed, daß entsprechende Verträge bereits abgeschlossen worden sind. 2004 soll mit dem Bau der Pipelines durch Afghanistan begonnen werden.

Unter den Menschen gibt es die Starken, sagt Achmed, das sind die Gewinner, und die Schwachen, das sind die Verlierer.

Bei der ersten Oscar-Verleihung nach dem 11. September haben die Versammelten eine Gedenkminute für die Opfer des 11. September eingelegt. Achmed hätte es angemessen gefunden, wenn sie auch der zivilen Opfer des Afghanistankrieges gedacht hätten, deren Anzahl inzwischen die der Opfer in den USA bei weitem überträfen. Auch während der Gedenkfeiern zum ersten Jahrestag des Terrorangriffs auf New York sei der zivilen Opfer in Afghanistan nicht gedacht worden.

Afghanistan ist Achmeds Alptraum. Manchmal fühle er sich so alt wie die Welt, sagt er, und hoffnungslos. Afghanistan ist die Last, die er trägt. Er kann seine afghanische Vergangenheit nicht abschütteln. Die gegenwärtige Situation Afghanistans belastet ihn.

Warum kann ich nicht so leben wie ein Deutscher, fragt er? Laut Paß ist er nämlich Deutscher. Nur arbeiten und ruhig leben, das wäre sein Wunsch. Dem steht Afghanistan entgegen.

Allein im Krieg der Sowjetunion gegen Afghanistan gab es auf afghanischer Seite mehr als 1 Millionen Tote. Millionen Afghanen flüchtete aus ihrer Heimat. Sie vegetieren in Flüchtlingslagern in Pakistan und im Iran. Es gibt nach neuesten Angaben 3,5 Millionen afghanische Flüchtlinge. In Afghanistan selbst gibt es 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Ca. 10 Millionen Minen und Blindgänger liegen in Afghanistan verstreut. Sie sind die Hauptursache dafür, daß die Flüchtlinge nicht nach Afghanistan zurückkehren können. Mehr als 1 Million Afghanen wurden von Minen verstümmelt. Es gibt auch heute noch mehr als ein Dutzend Minenunfälle pro Tag. Das Minenräumen geht langsam voran. Wenn mit dem gegenwärtigen Tempo weiterhin die Minen geräumt werden, wird es noch 4300 Jahre dauern, bis alle Minen geräumt sind. Das Land leidet unter Dürre, die Felder sind verdorrt und vermint. Die Lebenserwartung der Männer und Frauen liegt bei 43 Jahren. Die Analphabetenrate der Frauen beträgt 80%.

Achmeds Eltern leben jetzt in London. Sie sind ebenfalls aus Afghanistan geflüchtet. Nach dem Ende des Studiums will er deshalb nach London gehen, wo auch seine Brüder leben. Einer seiner Brüder zahle für ein Einzimmerappartement 500 Pfund in London, das sei ihm eigentlich zu teuer, sagt er. Aber er habe Sehnsucht nach seinen Eltern, seit seinem 16. Lebensjahr sei er nicht mehr mit ihnen zusammen gewesen. Wenigstens zwei Jahre möchte er deshalb in London verbringen.

Seine Eltern würden ihn sehr gern verheiraten. Wenn er sich nicht beeile, würde seine Mutter die Initiative ergreifen und ihm Fotos und Videos mit in Frage kommenden Bräuten schicken. Das sei wie in alten Zeiten, sagt er, aber im Unterschied zu früher, dürfe er die Frauen treffen und sagen, ob er sie heiraten möchte. Die Heirat erfolge in muslimischen Kreisen vor dem Mullah, erst später gehe man aufs Standesamt.

Die Muslime führen ein modernes Leben nach alten Riten. Immer noch werden die alten Riten befolgt. Eine geschiedene muslimische Frau findet schwer einen neuen Ehepartner, sie ist als Geschiedene gebrandmarkt. Dafür gibt es aber weniger Scheidungen bei Ehepaaren islamischen Glaubens.

Muslimische Hochzeiten sind teuer. Das bezeugen alle islamischen Studenten gleichermaßen. Es werden 300 bis 600 Gäste zur Hochzeit eingeladen. Der Bräutigam muß lange für eine solche Hochzeit sparen. Die Gäste schenken Gold. Bei großen Hochzeiten in Europa wird erwartet, daß die Gäste ihren Anteil zur Hochzeit in Form von Geldgeschenken beitragen. Was trägt die Braut zur Hochzeit bei, frage ich. Sie bezahlt die Verlobung, sagt Achmed.

Achmed liebt Deutschland. Er empfindet Deutschland als das Land, in dem er am liebsten leben möchte. Er hat Angst, daß Deutschland seinen derzeitigen kulturellen und sozialen Standard nicht werde halten können.

aus: Couscous und Ramadan

 


Auf  Wiedersehen im Palatinusbad

Ungarns warme Quellen sind weltberühmt und sorgen für Devisen. Im warmen Wasser an den Quellen wird Konversation betrieben, die Einheimischen spielen auch Schach. Wir lernten im Palatinusbad auf der Margareteninsel sowohl Inländer als auch Ausländer kennen. Die DDR hatte sogar Stasi-Spitzel ins warme Wasser gesetzt. Da ich vorsichtig geworden war, habe ich wohl meine politische Meinung nicht laut kund getan. Dazu wäre ein Bad auch nicht geeignet.

„Sieh mal, da sind die Leute vom letzten Jahr“, sagen die Kinder. Wirklich kommen Jahr für Jahr immer wieder dieselben Besucher. Da sitzt auch schon Ruby.

Er ist ein ehemaliger österreichischer Jude, der im zweiten Weltkrieg als ganz junger Mensch mit seinen Eltern nach New York emigrierte. In New York arbeitet er in einer Firma, die Reißverschlüsse herstellt. Sicher ist er ein zuverlässiger Arbeiter. Er hat ein Haus in N.Y. und einen Sohn, der in Florida im Hotelfach tätig ist. Ruby schwärmt von Florida und den swimming pools unter Palmen.

In jedem Jahr jedoch muss er nach Budapest, denn er ist mit einer Ungarin verheiratet, die hier ihre Verwandten besucht. Ruby, der sich nicht so für die Verwandtschaft interessiert (seine Frau ist wohl auch der Meinung, dass ihr Mann nicht immer dabei sein muss, zumal er nicht ungarisch spricht), wird derweilen ins Bad geschickt. Ruby ist ein angenehmer Geschichtenerzähler.

„Ungarisch ist einfach“, sagt er, „nehmen wir zum Beispiel das Wort Cukraszda, klingt wie Zugrasta“ (ähnlich  Zugereister auf österreichisch).

Während seines Urlaubes fährt er mindestens einmal nach Wien, in seine Vaterstadt. Er fährt mit dem Schiff, die jeweilige große Passkontrolle entsetzt ihn. „Do you know the United States?“, fragt er. Ein schönes großes Land, er empfiehlt uns, dort Urlaub zu machen. Als Empfehlung für DDR-Eingeschlossene besonders makaber.

Ruby hasst niemanden, auch nicht die Deutschen, obwohl sie ihn aus Wien vertrieben haben. Sein Exodus liegt lange zurück. Er bevorzugt Deutsche und Ungarn, sofern sie deutsch sprechen. Er lernt den Chef vom Vigado im Wasser kennen, auch einen Schachspieler, einen privaten Taxiunternehmer, einen ungarischen Juristen. Ja, wer jeden Tag im Juli im Palatinusbad sitzt, der lernt Leute kennen, sogar Menschen.

Zum Abschied vom Palatinusbad bringt Ruby Rotwein mit, Egri Bikaver, im warmen Wasser zu trinken. Flasche und Gläser werden auf den Beckenrand gestellt, und die Party kann beginnen. Der Bademeister drückt die Augen zu. Vom Ergi Bikaver wird uns noch wärmer.

„Auf Wiedersehen, im nächsten Jahr im Palatinusbad“, sagt er. Das schreibt er auch auf seine Weihnachtskarte, die pünktlich –wie in jedem Jahr – im Dezember aus N.Y. eintrifft.

 

Zoltán

treffen wir auch in jedem Jahr im Palatinusbad. Er ist ein besonderer Typ. Er kann durch die Finger spritzen, Wasser zwischen den Händen herauspressen, macht sich seinen Spaß mit ahnungslosen Besuchern und wird deshalb „Spritzmeister“ genannt, jeder kennt ihn, aber keiner weiß, was er von ihm halten soll. Zoltán ist ein gebürtiger Ungar und verbringt seine Sommer selbstverständlich in Ungarn und meistens an der Thermalquelle im Paltinusbad.

 

Auch er versuchte, die „gesellschaftlich unlösbaren Probleme“ auf seine Weise zu lösen. Er emigrierte1956, er verließ Ungarn nach der niedergeschlagenen Revolution wie so viele andere. Seit langem lebt er als Briefmarkenhändler in New York. Er liebt Budapest, die Stadt, in der er seine Kindheit verbrachte, aber zurückkehren möchte er nicht. Er sagt, er trenne Leben und Arbeiten. Arbeiten in N.Y., leben in Budapest. Im Wasser hält er Vorlesungen über „Glücklichsein“, seine Spezialität ist die Psychologie. Er selbst ist mit einer zwanzigjährigen Französin verheirate, die er im Palatinusbad kennen lernte. Das ist so komisch, dass ein amerikanisches Blättchen sogar über ihn berichtete. Ein weiteres Mal stand er in der Zeitung, als er einem Dieb, der bei ihm eingebrochen hatte, ohne Kleidung hinterher rannte, um ihm seine Beute wieder abzunehmen. Zoltan liebt auch das Café Hungaria, das frühere Café New York. Dort setzt er seine Vorlesungen über „Glücklichsein“ am Abend fort.

 

aus: Zwischen den Welten


 

 

Erzählungen aus der Schusterwerkstatt

Der Großvater meiner Freundin (väterlicherseits) hatte eine Schusterwerkstatt in Törökszentmiklós. Der Name des Ortes enthält die Begriffe „heiliger Nikolaus“ und „türkisch“, die Deutung ist dem Betrachter überlassen. Fest steht, dass die Menschen, die in dieser Region leben, sehr fromm sind. Der Ort liegt nahe der Tisza (Theiß), südlich des Theiß-Sees und südwestlich der Puszta.

Großmutter und Großvater hatten sich durch Vermittlung eines Verwandten kennen gelernt. Der Großvater wollte keine Frau aus seinem Ort heiraten, wie das üblich war. Eines Tages besuchte er deshalb seinen Cousin, der in einem anderen Ort wohnte. Dort wurde ihm seine spätere Frau vorgestellt. Für den Großvater war es Liebe auf den ersten Blick, für die Großmutter, die noch sehr jung war, erst Liebe auf den zweiten Blick.

Die Schusterwerkstatt des Großvaters ernährte die junge Familie, sie war der zentrale Ort der Familie in einem kleinen Haus nahe einer großen Kirche. In Törökszentmiklós lagen alle Häuser nahe einer Kirche, der Ort war klein und die Frömmigkeit groß.

Die Schusterwerkstatt befand sich in der Veranda des größten Raumes im Haus. Die Veranda war geteilt und fungierte als Ess- und Wartezimmer im vorderen Teil und als Werkstatt im hinteren Teil. Vorderer und hinterer Teil waren durch einen großen Küchenschrank getrennt.

Von der Veranda gab es einen Zugang zur Küche, außerdem auch einen Zugang zu einem Friseurgeschäft, das sich auch im Haus befand. Auf diese Weise konnte schnell heißes Wasser aus der Küche in das Friseurgeschäft gebracht werden.

Auf dem Küchenherd stand immer ein großer Kessel mit heißem Wasser bereit, das zum Haarewaschen im Friseurgeschäft benötigt wurde. Wurde ein Topf mit heißem Wasser entnommen, kam dafür ein Topf kaltes Wasser in den Kessel. Heißes Wasser gab es damals noch nicht aus der Leitung, und sogar das kalte Wasser wurde anfangs aus einem Brunnen geschöpft. Erst später wurde eine Kaltwasserleitung gelegt.

Die Frauen des Dorfes gingen oft zum Friseur, denn das Frisieren war billig, und sie wollten hübsch aussehen. Aber nur in der kopftuchfreien Jahreszeit, also vom Frühjahr bis zum Herbst. Im Winter lahmte das Geschäft.

Der Großvater war sehr sparsam, was er ja wohl auch sein musste. Er hatte das Haus nach seiner Heirat gekauft und sparte seitdem. Manche sagen sogar, er sei geizig gewesen. Er achtete auf das Geld, auf jeden Filler. Einmal in der Woche ging seine Frau auf den Markt in Törökszentmiklós. Sie erhielt dann eine bestimmte Summe Geldes, über die sie nach dem Einkauf Rechenschaft ablegen musste. Der Großvater kontrollierte jede Rechnung und ruhte nicht, bis die Ausgaben im Einzelnen aufgeklärt waren.

Schuhe waren damals Handarbeit. Einmal im Jahr fuhr der Schuster in eine größere Stadt, nämlich nach Kecskemét, und kaufte das Leder für all diese Schuhe, welches er im Koffer nach Hause trug. Zu Hause wurde das Leder auf dem Küchentisch ausgebreitet, und die ganze Stube roch nach Leder, so erinnert sich seine Enkelin.

Aus Sparsamkeit hatte der Schuster die Wände des Wohn- und Arbeitszimmers mit alten Zeitungen beklebt, sozusagen tapeziert, die Wände sollten geschont werden. Er hatte dabei nicht auf den Inhalt der Zeitungen geachtet, denn für ihn waren sie nur Papier, das er benutzte. So kam es, dass er auch einen Artikel über Otto von Habsburg an die Wand tapeziert hatte, der ein schönes Foto von ihm zeigte. Über dieses Foto freute sich eine Kundin besonders.

Diese Kundin war eine alte Gräfin, deren Mann als Offizier im zweiten Weltkrieg gedient hatte. Die Familie der ungarischen Gräfin war sehr reich gewesen, sie hatte zwei große Eckhäuser in Szolnok besessen. Sie hatte dort selbst in einem fürstlichen Haus residiert. Szolnok ist die größte Stadt in ihrer Region, eine Verwaltungs- und Industriestadt. Nach dem 2. Weltkrieg war die Familie der Gräfin enteignet worden, ihr Wohnhaus in Szolnok war zur kommunistischen Parteizentrale geworden. Die Kommunisten wollten selbst herrschaftlich wohnen und übernahmen die Häuser der gräflichen Familie. Der Ehemann der Gräfin konnte den Ruin seiner Familie nicht überwinden. Er erschoss sich deshalb nach dem Krieg und der Enteignung. In der neuen kommunistischen Welt wollte er nicht weiterleben.

So stand die Gräfin kurz nach Kriegsende allein und mittellos da. Sie wurde aus Szolnok ausgewiesen und aufs Land verschickt, wie das damals üblich war. Reiche und Gebildete galten als Feinde des Kommunismus und sollten gründlich bestraft werden. Die Gräfin galt als eine besondere Feindin. Die aus der Stadt verbannte Gräfin fand Unterkunft auf einem Dorf bei Szolnok, zehn Kilometer entfernt von Törökszentmiklós. Nur ein paar persönliche Sachen konnte sie in ihr „neues“ Leben hinüberretten.

Die Gräfin musste nun arbeiten gehen, um ihr Brot zu verdienen. Sie fand eine Anstellung in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft des Dorfes. Ihre Aufgabe war es, den Bauern der Genossenschaft Kannen mit Wasser auf das Feld zu bringen, während sie arbeiteten. Alle Dinge, die die Bauern brauchten, musste sie hintragen. Eine andere Anstellung hatte sich nicht gefunden, zur Arbeit war sie sowohl verpflichtet als auch gezwungen.

Man stelle sich das vor: Die nicht mehr junge Gräfin schleppt Wasserkannen in Absatzschuhen. Sie besaß keine anderen Schuhe, die Schuhe waren die einzigen, die sie hatte retten können. Was sie trug, war auch aus der Mode, war alte Mode aus ihrer Jugendzeit. So stolperte sie im Kostüm aus besseren Zeiten mit Absatzschuhen auf dem Feld dahin, Wasserkannen schleppend.

Oftmals gingen die Schuhe kaputt. In der damaligen Zeit hatten die meisten Leute nur ein paar Schuhe. Wenn die Schuhe, meist betraf das die Absätze oder die Sohlen, kaputt waren, warteten die Kunden beim Schuster, bis die Schuhe repariert waren.

So war das Vorderzimmer der Schusterwerkstatt ein vielfrequentiertes Wartezimmer, in dem sich die Leute trafen und Geschichten erzählten. Auch die Gräfin lief zum Schuster (10 km), um ihre Schuhe reparieren zu lassen. Dort sah sie dann Otto von Habsburg, einen alten Freund, an der mit Zeitungen tapezierten Wand. Darüber freute sie sich außerordentlich, ganz im Gegensatz zu dem Schuster, der nun erst das Foto zur Kenntnis nahm. Der Schumacher war ein alter Kommunist, und nichts lag ihm ferner als die Verherrlichung alter Zeiten.

Über das BROTBACKEN in einem alten Kochbuch

Auch die berühmte Kochbuchautorin Ilona Horváth gehörte zu den Kunden des Schusters. Ihre Kochbücher haben eine 15-fache Auflage in Ungarn erreicht und sind in viele Sprachen übersetzt worden. Während die Autorin auf die Reparatur ihrer Schuhe wartete, tauschte sie mit der Frau des Schuhmachers neue Rezepte aus, die dadurch eine anonyme Mitautorin der Kochbücher wurde. Sie führte mit der Frau des Schusters sozusagen Fachgespräche. Sie überlegten sich neue Rezepte und kochten diese probehalber. Die Kochbuchautorin, deren Namen fast jede Ungarin kennt, trug damals besondere, sogenannte „Schwangerenschuhe“, hochgeschnürte Stiefel, wie sie bei uns Kellnerinnen tragen, und dereinst jedem zum bequemen Laufen dienten.

Die Kochbuchschreiberin war eigentlich Lehrerin an einem Technikum, lehrte technische Fächer, war angeblich dick, probierte wohl alle Gerichte selbst aus. Ihr „Szakácskönyv“, das ich im Bücherschrank meiner Freundin entdeckte, macht einen sehr gegliederten Eindruck. Nicht nur Rezepte, auch Grundlagenwissen über Nahrungsmittel und Haushaltgeräte werden vermittelt. Ein Kapitel, das mir sehr entgegen kam, bilden die 30-Minuten-Gerichte.

Zwischen 12 und 14 Uhr war die Werkstatt geschlossen. Dann war Mittagspause. Die Großmutter kochte leidenschaftlich gern und sah das Kochen nicht als Arbeit sondern als Berufung an, als ihren Beruf sozusagen. Die Großmutter war unermüdlich im Haus tätig, wie das in der früheren Zeit auch üblich war. Die drei K´s – Küche, Kinder, Kirche – waren für sie noch Richtschnur. Aber sie erledigte ihre Hausarbeit gern.

Am Mittagstisch saßen außer dem Großvater auch die älteste Tochter und ihr Ehemann. Sie führten das Friseurgeschäft im Haus, das auch von 12 bis 14 Uhr geschlossen war, denn in dieser Zeit ging niemand im Dorf zum Friseur, die Frauen hatten mit dem Kochen des Mittagessens zu tun und die Männer mit dem Essen. Zu sozialistischen Zeiten war es außerdem nicht erlaubt, mehr als 8 Stunden zu arbeiten, so durfte das Friseurgeschäft nur von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr geöffnet sein.

Die Großmutter gab sich besondere Mühe mit dem Mittagessen, insbesondere um ihre Tochter zu unterstützen, indem sie ihren Schwiegersohn wohl stimmte. In der Ehe der beiden kriselte es nämlich, und die Großmutter versuchte auf diese sanfte Weise, ihrer Tochter zu helfen. Der Schwiegersohn aber war gar nicht sanft. Er sah die Arbeit seiner Schwiegermutter als deren Pflicht an. Wenn ihm das Essen nicht schmeckte, kippte er es gleich demonstrativ in den Schweintrog, der in der Küche stand. Da verstand man sofort, wer der Herr im Hause war oder wer sich als solcher fühlte. Dass er seine Schwiegermutter beleidigte und sein Benehmen bestenfalls als unhöflich zu bezeichnen war, das verstand er nicht. Er war ein sehr einfacher Mensch mit schlechter Kinderstube.

Nach dem Essen legte sich das junge Ehepaar zur Ruhe, um die freie Zeit bis 14 Uhr voll auszunützen. Während die jungen Leute ruhten, wusch die Großmutter das Geschirr ab und machte Ordnung, denn um 14 Uhr wurde die Schusterwerkstatt wieder geöffnet, es kamen neue Kunden und das Esszimmer diente wieder als Wartesaal.

aus: Das Leben ist keine Sahnetorte